Oktober 2026 · Ausgabe 03Inhalt

ZARİF GESUNDHEIT & LONGEVITY

MUSKELN BEWAHRT MAN NICHT NUR IM FITNESSSTUDIO

Vom Frühstücksteller bis zu den Darmbakterien: Die neue Wissenschaft des gesunden Älterwerdens beginnt am Tisch

Wenn von einem langen Leben die Rede ist, denken wir meist an Herz, Gehirn, Hormone, Schlaf und Genetik. Dabei begleitet uns einer der stillen Helden des gesunden Älterwerdens unser ganzes Leben lang: unsere Muskeln.

Muskeln sind nicht nur ein Gewebe, das dem Körper seine Form gibt.

Wir brauchen sie, um Treppen zu steigen, einen Koffer zu heben, das Gleichgewicht zu halten, nach einem Sturz wieder aufzustehen, die Einkaufstasche zu tragen und, während die Jahre vergehen, unseren Alltag weiterhin zu bewältigen, ohne auf andere angewiesen zu sein.

Hinzu kommt: Mit dem Alter verändert sich nicht nur die Muskelmenge. Die Muskelkraft kann schneller abnehmen als die Muskelmasse.

Deshalb fragt die Wissenschaft des gesunden Älterwerdens heute nicht mehr nur: „Wie viel Muskulatur haben wir?“

Sie stellt noch eine weitere Frage:

Wie kräftig und wie funktionsfähig ist dieser Muskel?

DAS STILLE ORGAN DER LANGLEBIGKEIT: DER MUSKEL

Einen Schraubdeckel öffnen, mühelos vom Stuhl aufstehen, eine schwere Tür aufdrücken oder Treppen ohne Hilfe hinaufgehen – das mögen wie gewöhnliche Bewegungen des Alltags erscheinen.

Doch jede einzelne davon gibt kleine Hinweise auf Muskelkraft und körperliche Funktion.

In der Forschung ist insbesondere die Handgriffkraft einer der praktischen Indikatoren, mit denen die allgemeine Muskelfunktion beurteilt wird. Zwischen geringer Griffkraft und ungünstigeren gesundheitlichen Folgen im höheren Alter wurden starke Zusammenhänge festgestellt.

Das bedeutet nicht, dass die Kraft unseres Händedrucks verrät, wie lange wir leben werden.

Die eigentliche Botschaft ist wichtiger:

Nicht nur die Menge unserer Muskeln, sondern auch ihre Kraft und ihre Funktion gehören zum gesunden Älterwerden.

Und der Weg, Muskeln zu erhalten, führt nicht allein durch das Fitnessstudio.

Ein wichtiger Teil der Geschichte beginnt in der Küche.

NICHT NUR WIE VIEL, SONDERN AUCH WIE SIE ES VERTEILEN, ZÄHLT

Protein ist einer der grundlegenden Nährstoffe, die für den Erhalt und die Erneuerung des Muskelgewebes notwendig sind.

Mit zunehmendem Alter reagieren unsere Muskeln jedoch möglicherweise nicht mehr so stark auf Protein wie in jungen Jahren. Deshalb achten Forschende heute nicht mehr nur darauf, wie viel Protein am Ende des Tages insgesamt verzehrt wurde, sondern auch darauf, wie es sich auf die Mahlzeiten des Tages verteilt.

Im Alltag gibt es ein recht vertrautes Muster:

Morgens ein kleines, proteinarmes Frühstück.

Mittags eine etwas gehaltvollere Mahlzeit.

Und abends die größte Proteinportion des Tages.

Studien der letzten Jahre zeigen, dass insbesondere im höheren Alter das Frühstück oft die proteinärmste Mahlzeit des Tages ist.

Deshalb sagt der neue Ansatz nicht: „Essen Sie Protein nur am Morgen.“

Er sagt etwas viel Einfacheres:

Heben Sie nicht das gesamte Protein des Tages für das Abendessen auf.

Wenn das Frühstück nur aus Tee, Brot, Marmelade oder ein paar Bissen besteht, kann es ein guter Anfang sein, dem Frühstücksteller eine echte Proteinquelle hinzuzufügen.

UND WIE VIEL PRO MAHLZEIT?

Um die Muskelproteinsynthese im höheren Alter zu unterstützen, sind etwa 25–30 Gramm hochwertiges Protein pro Hauptmahlzeit eine häufig genutzte praktische Richtgröße.

Doch hier gibt es einen wichtigen Punkt:

30 Gramm sind keine magische Zahl.

Der Bedarf kann je nach Alter, Körpergewicht, körperlicher Aktivität, gesamter täglicher Ernährung, Qualität des verzehrten Proteins und Gesundheitszustand variieren.

Auch die in Proteinen enthaltene essenzielle Aminosäure Leucin spielt eine wichtige Rolle bei der Anregung der Muskelproteinsynthese.

Wir müssen gesunde Ernährung aber nicht bei jeder Mahlzeit in eine Rechnung aus Gramm und Aminosäuren verwandeln.

Für den Alltag gibt es eine praktischere Frage:

„Enthält jede meiner Hauptmahlzeiten eine echte Proteinquelle?“

Eier, Joghurt, Kefir, Käse, Fisch, Huhn, Fleisch, Linsen, Kichererbsen, Bohnen, Tofu und Sojaprodukte können auf ganz unterschiedlichen Tischen die Antwort auf diese Frage sein.

WAS SAGT DIE WISSENSCHAFT – UND WAS NICHT?

Was sagt die Wissenschaft?

Ausreichend Protein ist, besonders im höheren Alter, einer der wichtigen Bausteine der Muskelgesundheit.

Protein gleichmäßiger über den Tag zu verteilen und vor allem ein sehr proteinarmes Frühstück aufzuwerten, kann eine nützliche Strategie sein.

Die Muskeln regelmäßig zu beanspruchen, ist ebenso wichtig wie die Ernährung.

Was sagt die Wissenschaft nicht?

„Wenn Sie Protein nicht zu einer bestimmten Uhrzeit essen, verlieren Sie Muskeln.“

„Jeder Mensch sollte morgens genau 30 Gramm Protein zu sich nehmen.“

„Je mehr Protein Sie essen, desto mehr Muskeln bauen Sie auf.“

„Protein allein reicht aus, um die Muskeln zu erhalten.“

Die ausgewogenste Zusammenfassung des heutigen Wissensstands könnte so lauten:

An erster Stelle stehen eine ausreichende und ausgewogene Ernährung, genügend Protein insgesamt und Bewegung.

Der Zeitpunkt der Proteinzufuhr und die Verteilung auf die Mahlzeiten sind Details, über die man erst danach nachdenken sollte.

DIE DARM-MUSKEL-ACHSE

In den letzten Jahren ist ein unerwarteter weiterer Akteur in die Muskelforschung eingetreten:

Die Mikroorganismen in unserem Darm.

Das Ökosystem, das die enorme Zahl der im Darm lebenden Mikroorganismen bildet, nennen wir Darmmikrobiota.

Diese Mikroorganismen sind nicht nur mit der Verdauung beschäftigt. Sie verarbeiten bestimmte Bestandteile unserer Nahrung und stehen in ständiger Wechselwirkung mit der Darmbarriere, dem Immunsystem, Entzündungsprozessen und Stoffwechselvorgängen.

Nun verfolgen Forschende eine neue Frage:

Kann das, was im Darm geschieht, auch unsere Muskeln beeinflussen?

Dieser mögliche Zusammenhang wird als „Darm-Muskel-Achse“ bezeichnet.

Eine der möglichen Verbindungen sind kurzkettige Fettsäuren, die Darmbakterien bilden, wenn sie Ballaststoffe aus der Nahrung fermentieren.

Bekannt ist, dass diese Stoffe mit dem Schutz der Darmbarriere, dem Immunsystem und Stoffwechselprozessen in Verbindung stehen.

Es gibt auch Studien, die bei manchen Menschen mit Sarkopenie Unterschiede in der Vielfalt und Zusammensetzung der Darmmikrobiota zeigen.

Doch hier dürfen wir den Satz, den die Wissenschaft noch nicht zu Ende geschrieben hat, nicht selbst vollenden.

Die Darm-Muskel-Achse ist ein spannendes und sich rasch entwickelndes Forschungsfeld.

Es gibt jedoch noch nicht genügend Belege, um zu sagen, dass die Darmmikrobiota die einzige oder die hauptsächliche Ursache für Muskelabbau ist.

Für heute ist es richtiger, die Mikrobiota als eines der Teile des großen Gesamtbildes zu sehen, das die Muskelgesundheit beeinflussen kann.

DAS GEDÄCHTNIS DES FERMENTIERTEN TISCHES

Dieses neue Forschungsfeld ist unserer Küche eigentlich gar nicht fremd.

Joghurt.

Kefir.

Manche Käsesorten.

Fermentiertes Gemüse.

Tarhana.

Lange bevor man das Wort „Mikrobiom“ kannte, wussten die Menschen schon, wie man Lebensmittel fermentiert.

In einer der kontrollierten Studien zu fermentierten Lebensmitteln zeigte sich in der Gruppe, die mehr fermentierte Lebensmittel verzehrte, eine Zunahme der mikrobiellen Vielfalt im Darm und ein Rückgang bestimmter Entzündungsmarker.

Dieses Ergebnis ist bedeutsam.

Daraus können wir jedoch nicht schließen, dass „Joghurt Muskeln aufbaut“ oder „Kefir Sarkopenie verhindert“.

Um sagen zu können, dass fermentierte Lebensmittel die Muskelmasse oder Muskelkraft direkt steigern, sind Anzahl und Aussagekraft der Interventionsstudien am Menschen noch nicht ausreichend.

Deshalb ist es richtiger, fermentierte Lebensmittel nicht als Wundermittel für die Muskeln zu betrachten, sondern als einen der wertvollen Bestandteile eines vielfältigen und ausgewogenen Speiseplans.

Zudem sind für unseren Darm nicht nur fermentierte Lebensmittel wichtig.

Auch die unterschiedlichen Ballaststoffe aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Vollkorngetreide, Nüssen und Samen nähren das Ökosystem im Darm.

Auch hier lautet das Zauberwort:

Vielfalt.

PROBIOTIKAKAPSEL ODER GEDECKTER TISCH?

Je populärer die Darm-Muskel-Achse wird, desto häufiger hört man Behauptungen, Probiotika-Präparate könnten die Muskelkraft steigern.

Die Wissenschaft ist hier noch zurückhaltend.

Auch wenn einige Studien kleine positive Effekte der Einnahme von Probiotika auf die Griffkraft oder die körperliche Leistungsfähigkeit gezeigt haben, sind die Ergebnisse nicht in allen Untersuchungen gleich.

Ein Teil der Studien ist klein, die verwendeten Probiotikastämme unterscheiden sich voneinander, und es gibt noch keine ausreichend starke Evidenz, um eine Empfehlung für alle auszusprechen.

Deshalb ist es heute noch zu früh,

„Nehmen Sie Probiotikakapseln, um Ihre Muskeln zu erhalten.“

zu sagen.

Viel sinnvoller ist es, zuerst auf den Tisch zu schauen.

PROTEIN UND DARM AUF DEMSELBEN TELLER

Einer der interessantesten Aspekte der neuen Forschung ist, dass Protein und Darmmikrobiota nicht länger als zwei getrennte Themen untersucht werden.

In einer 2026 durchgeführten zwölfwöchigen kontrollierten Studie mit älteren Erwachsenen wurden bei einer mit Sojaprotein angereicherten Ernährung neben einigen positiven Ergebnissen für die Muskelgesundheit auch Veränderungen der Darmmikrobiota beobachtet.

Diese Studie öffnet eine wichtige Tür:

Wenn wir künftig über Muskelgesundheit sprechen, werden wir vielleicht nicht nur über die Frage „Wie viele Gramm Protein?“ sprechen, sondern auch darüber, in welche Ernährungsweise das Protein eingebettet ist.

Eine einzelne Studie begründet jedoch keine neue Ernährungsregel.

Deshalb ist es heute der sicherste Ansatz, Protein nicht von einer darmfreundlichen Ernährungsweise zu trennen.

Zum Beispiel:

Joghurt + Haferflocken + Walnüsse + Obst

Eier + Vollkornbrot + reichlich Blattgrün

Linsen + Joghurt + Salat der Saison

Fisch + Gemüse + Hülsenfrüchte oder Vollkorn

Tofu + Gemüse + Vollkorn

Die Idee dahinter ist nicht, einen einzigen „perfekten Teller“ zu schaffen.

Sondern Protein, Ballaststoffe und verschiedene pflanzliche Lebensmittel im Laufe desselben Tages zusammenzubringen.

DER ZARIF-FRÜHSTÜCKSTELLER

Was kann aus all dieser Wissenschaft in der morgendlichen Küche werden?

Das Ziel ist kein riesiges Frühstück.

Sondern beim Frühstück Platz für eine echte Proteinquelle zu schaffen.

Hier sind drei verschiedene Frühstücksideen, mit denen Sie sich dem Ziel von etwa 25–30 Gramm Protein nähern können:

1. DAS KLASSISCHE ZARIF-FRÜHSTÜCK

2 Eier

60–70 g Molkenfrischkäse oder ein proteinreicher Käse

Tomaten, Gurke, Rucola, Petersilie und Paprika

1–2 dünne Scheiben Vollkornbrot

Ein paar Oliven

Die Proteinmenge hängt von der Käsesorte und der Portion ab. Doch Eier und Käse zu kombinieren, wertet die Morgenmahlzeit im Vergleich zu einem Frühstück aus nur Brot und Tee deutlich auf.

2. JOGHURT-&-KEFIR-SCHALE

200 g Abtropfjoghurt

150–200 ml Kefir

2 EL Haferflocken

1 EL Walnüsse

Obst der Saison

Zimt

Der Proteingehalt von Joghurt und Kefir variiert je nach Marke und Produkt. Wer die ungefähre Proteinmenge wissen möchte, kann daher auf das Etikett schauen.

Dass sich Protein, fermentierte Milchprodukte, Haferflocken, Obst und Nüsse in derselben Schale begegnen, macht dieses Frühstück zu einem schönen Beispiel für die Geschichte von Darm und Muskel.

3. DAS ÜBERWIEGEND PFLANZLICHE FRÜHSTÜCK

Gemüse-Scramble mit Tofu

Hummus

1–2 dünne Scheiben Vollkornbrot

Tomaten, Paprika und reichlich Blattgrün

Dazu ein ungesüßter, proteinreicher Sojadrink

Auch bei pflanzlicher Ernährung muss man sich nicht auf eine einzige Proteinquelle stützen. Über den Tag verteilt lassen sich verschiedene Proteinquellen aus Soja, Hülsenfrüchten, Getreide, Nüssen und Samen kombinieren.

DAS ZARIF-MASS

Sie müssen nicht jeden Morgen die Küchenwaage hervorholen.

Wenn Sie Ihr Frühstück betrachten, stellen Sie sich eine einzige Frage:

„Gibt es auf diesem Teller eine deutliche Proteinquelle?“

Wenn nicht, überlegen Sie, was Sie hinzufügen könnten.

Mal zwei Eier.

Mal Joghurt.

Mal Käse.

Mal Kefir.

Mal Tofu.

Kleine Veränderungen werden im Laufe der Jahre zu großen Gewohnheiten.

DIE ANDERE HÄLFTE DES MUSKELS: BEWEGUNG

Protein allein ist nicht die ganze Geschichte.

Damit der Muskel erhalten bleibt, braucht er einen Reiz, der ihn daran erinnert, dass er weiterhin gebraucht wird.

Einer der wirksamsten Wege für diesen Reiz ist Krafttraining.

Deshalb lässt sich unser Gesundheit-&-Longevity-Dossier dieses Monats zusammen mit dem Programm „Starker Körper, elegante Haltung“ aus der Rubrik Zarif Bewegung betrachten.

Squat, Bridge, Plank, Bird Dog und andere Kraft- und Gleichgewichtsübungen dienen nicht nur einer aufrechteren Haltung.

Sie geben den Muskeln regelmäßige mechanische Reize und unterstützen Gleichgewicht, Koordination und die Bewegungsfähigkeit im Alltag.

Der Tisch liefert den Rohstoff für den Muskel.

Die Bewegung gibt ihm einen Grund, genutzt zu werden.

WER SOLLTE ZUERST ÄRZTLICHEN RAT EINHOLEN?

Mehr Protein ist nicht automatisch für jeden besser.

Insbesondere Menschen mit chronischer Nierenerkrankung sollten ihre Proteinzufuhr nicht eigenmächtig deutlich erhöhen. Der persönliche Bedarf sollte gemeinsam mit der Ärztin oder dem Arzt und gegebenenfalls einer Ernährungsfachkraft festgelegt werden.

Auch Probiotika-Präparate sollten nicht automatisch als risikofrei gelten, nur weil sie „natürlich“ sind. Menschen mit schweren Erkrankungen oder einem geschwächten Immunsystem sollten vor der Einnahme von Probiotika-Präparaten ärztlichen Rat einholen.

Wenn Milchprodukte Beschwerden verursachen, besteht die Lösung nicht nur darin, ganz auf sie zu verzichten. Laktosefreie Produkte oder andere, individuell passende Proteinquellen können in Betracht gezogen werden.

Zudem sollten unerklärlicher Kraftverlust, ungewollter Gewichtsverlust, häufige Stürze, eine deutlich verlangsamte Gehgeschwindigkeit oder neu auftretende Schwierigkeiten bei alltäglichen Verrichtungen nicht einfach mit „Ich werde eben älter“ abgetan werden.